live Horrorfilm oder How to win a Darwin Award
Kletterforum ->
Sicherungstechnik
|
|
|
|
Nicolas Benezan 


Beiträge: 71
|
Beitrag vom: 18.07.2017 - 18:12
Letztes Wochenende war ich im schriesheimer Steinbruch - übrigens sehr schön dort, wenn es nicht allzu heiss ist.
Ich bin gerade dabei, bei einem Vorstiegskurs zu hintersichern, als ein Kletterer (nenn wir Ihn der Einfachheit halber "Dimitri"), den ich vorher noch nie gesehen habe, auf mich zukommt und mit slawischem Akzent fragt, ob ich Ihn mal kurz sichern könnte. Er hat noch zwei Jugendliche dabei, beim einen tippe ich auf Koreaner (nennen wir ihn "Chong"), der andere könnte irgendwo zwischen Ägypten und Indien herkommen (nennen wir ihn "Ali"). Dimitri sagt zu mir, die anderen beiden hätten noch nie Vorstieg gesichert, deshalb wär ihm lieber, wenn ich das mache. Es erstaunt mich zwar etwas, warum er gerade mich aussucht, er hat mich weder klettern gesehen, noch habe ich irgend ein Sicherungsgerät* in der Hand gehabt. Ich hatte einen nagelneuen Helm und nagelneue Exen ohne jeden Kratzer am Gurt, und auch sonst hat nicht darauf hingewiesen, dass ich mehr Erfahrung gehabt hätte als die anderen Kursteilnehmer. Aber gut, in anderen Teilen der Welt hat man wohl noch etwas mehr Gottvertrauen als in dem Land der Vorschriften. Und wennn er mir spontan vertraut ist das ja seine Entscheidung. Also hatte ich
nichts einzuwenden, und habe einen der anderen von uns gebeten, mich abzulösen.
Ich denke mir, das ist mal eine gute Gelegenheit, zu üben, alles vorbildlich zu machen, wenn man KEIN eingespieltes Team ist. Ich frage Dimitri, ob er das Seil schon durchgezogen hat - nein, wozu? War doppelt aufgenommen und 100 Knoten drin. Ich zieh das Seil durch. Kommandos absprechen - ok, er versteht mich anscheinend... Partnercheck - ok, sieht alles gut aus. Er klettert los und .... ok, man sieht deutlich, dass er das nicht zum ersten mal macht. Der ist die 6- oder so ähnlich rauf wie ein Eichhörnchen den Baum. Er fädelt, ich lass ihn ab, alles super.
Aber ab jetzt wird es gruselig. Dimitri zieht seinen Gurt aus. Mir schwant schon übles, so von wegen zu dritt nur einen Gurt dabei. Er zieht Chong den Gurt an.
Zum Glück haben sie zumindest noch einen dabei. Aber anstatt selber zu sichern zieht er den Ali an. Beide lassen das wortlos über sich ergehen. Chong clippt sich Exen an den Gurt. Ich sage ihm, die braucht er nicht, aber er hört nicht auf mich. Meinetwegen, vielleicht will er nur cool aussehen, oder mit mehr Gewicht trainieren... egal. Dimitri bindet Chong ein und hängt Ali einen Tuber an den Gurt. Ich gehe schon in Alarmbereitschaft, aber lass ihn mal machen. Nicht alle sind schließlich so pingelig wie beim DAV. Dimitri erklärt Ali in einer Mischung aus Deutsch und Englisch, was er zu machen hat.
Der zeigt keinerlei Anzeichen, dass er irgend etwas davon versteht. Dimitri strafft das Seil mit der Hand am Lastseil. Ali wechselt verwirrt zwischen allen möglichen Griffarten an beiden Seilenden, aber immer über dem Tuber.
Als Chong losklettert und Dimitri dann auch noch seine Aufmerksamkeit vom Sichern abwendet und Chong gestikuliert, wie er am besten klettern soll, wird es mir zu bunt. Ich hechte zu Ali, schnappe mir das Bremsseil und ziehe es nach unten. In ziemlich genervtem Befehlston sage ich Ali, er soll hier mit der ganzen Hand greifen und immer nach unten gehen, nie loslassen! Wieder keine erkennbare Reaktion. Ich schreie Dimitri an, er soll herkommen und hintersichern. Ok, wenigstens er reagiert und macht das - vorerst.
Chong hat inzwischen den ersten Haken erreicht. Nun ja, ich will ja keine Vorurteile über fremde Kulturen verbreiten, aber Asiaten sind bekanntlich gut im nachmachen. Und es macht ihnen dabei auch nichts aus, wenn sie nicht das geringste davon verstehen, was sie nachmachen. Chong hängt eine Exe in den Haken. Dimitri: "Brauchst Du nicht! Hab ich schon gemacht. Rope kommt von oben!" Chong: (verwirrter Blick)
Chong klettert weiter und greift auch beim zweiten Haken wieder zu seinen Exen, was wiederum Einspruch und wildes Gestikulieren bei Dimitri zur Folge hat. Chong wird nervös und macht einen ziemlich wackeligen Eindruck. Dimitri sagt ihm, er soll sich aufs Klettern konzentieren und hilft zu meiner Erleichterung wieder beim Sichern.
Inzwischen hat auch unser Kursleiter mitgekriegt, dass da was verdächtiges im Gange ist und kommt dazu. Ich denke schon, auweia, jetzt krieg ich Ärger. Am Ende sieht es noch so aus, als wollte ich den dreien Klettern beibringen. Er guckt sich das ganze kurz relativ entspannt an und fragt mich nur: "Würdest Du das auch so machen?". Ich sage nur mit gequältem Gesichtsausdruck "Nein!".
Er durchschaut die Situation und sagt leise, "Wir können die auf Fehler hinweisen, aber wenn das nichts nützt, sind wir machtlos", dann laut und mit vollem Ernst zu Chong "Bist Du lebensmüde?". Wieder verwirrter Blick, keine Antwort. Dann zu Dimitri und Ali "Das geht überhaupt nicht, was Ihr da macht". Dann geht er wieder.
Ich denke mir, es wäre glaub ich am besten, ich hole schonmal das Handy und den Verbandskasten. Aber die Neugier siegt doch erstmal wieder. Chong hat etwas die Orientierung verloren und klettert zu weit links von der Route. Dimitri: "Du musst mehr rechts!". Chong hat dank der Gesten wohl wenigstens das verstanden und bewegt sich zögerlich und wackelig nach rechts. Dummerweise hat sich das Seil an einem Vorsprung eingehakt und bildet jetzt ein schön rechtwinkliges "L".
Dimitri zu Chong: "Stehst Du gut?". Keine Reaktion, aber immerhin bleibt er stehen. Dimitri zieht bei Ali zwei Meter Schalppseil aus dem Tuber , was mühelos geht, ohne dass er was sagen muss, weil dieser das Bremsseil mit Pinzettengriff mal wieder über dem Tuber hält. Dimitri schwingt das nach oben gehende Seil kunstvoll in großem Bogen, so dass es sich mit dem Seil zu Chong verdrillt, reißt es ruckartig nach oben, so dass es sich vom Felsvorsprung löst. Wow, den Trick kannte ich noch nicht, und ich wäre auch sehr beeindruckt, wenn da nicht am anderen Ende des Seils eine (noch) lebende Person hängen würde, die jeden Moment abstürzen könnte. Naja, da Chong inzwischen eine recht beachtliche Höhe erreicht hat, bestünde wohl keine Groundergefahr. Weil der Einstiegsbereich aber recht stufig ist, wäre in solch einem Fall aber durchaus "rolling home" angesagt.
Hab ich schon erwähnt, dass natürlich keiner der drei einen Helm dabei hatte? Gut, das sieht man öfter, und ist in vielen Klettergebieten auch vertretbar, aber nicht hier! Mich haben selbst schon einige kleine Steinchen getroffen und etwas weiter weg habe ich gesehen, dass sogar mehrere Backstein-große Brocken runterkamen.
Ich beschließe, dass ich mir das Elend nicht weiter antun muss und lass den Chaotentrupp alleine. Den Rest vom Tag überfliegt noch zweimal ein Helikopter raltiv nahe den Steinbruch, aber keiner landet. Als wir später nochmal an der Stelle vorbeikommen, sind die drei verschwunden. Kein Körperteile, keine Blutflecken zu sehen. Uff, Gott sei dank mal wieder nichts passiert. |
| Seitenanfang |
|
|
|
Chris Bauer 


Beiträge: 322
|
Beitrag vom: 19.07.2017 - 08:00
Gestern hat ein Sicherer (Tube) seinen Vorsteiger fotografiert, ging auch gut bis dieser einhängen musste. Schlußendlich war dann die Kamera in der rechten Hand und die linke Hand hat über dem Tuber das Seil rausgewurstelt. Was war nochmal mit dem Bremseil?
Wäre ein nettes Foto geworden wenn der Vorsteiger gefallen wäre. |
| Seitenanfang |
|
|
|
Richie Bauer 


Beiträge: 187
|
Beitrag vom: 19.07.2017 - 15:01
Ja, solche Sachen erlebt man leider immer wieder. Ist schon erschreckend, wie fahrlässig manche Leute sind 
Ich kann aber bei sowas nur empfehlen keine Tipps zu geben. Es kann durchaus sein, dass man dann bei einem Unfall haftet...
Ich hab bei solchen Leuten schon die Felsen/Sektoren gewechselt. |
| Seitenanfang |
|
|
|
Anzeige
|
Florian Nixmann 

Beiträge: 63
|
Beitrag vom: 19.07.2017 - 20:02
Tach!
Ähnliche Chaostruppen habe ich leider auch schon oft gesehen und nach der von Richie beschriebenen Regel gehandelt.
Wenn man sich einmischt, hängt man schnell mal mit drin. Das ist leider rechtlich machbar.
Die Geschichte von Chris habe ich im Ith auch schon gesehen: Der "Gesicherte" wäre für dieses besch.... Arschfoto auch nur 20m heruntergepurzelt !
Wenn ihr an Felsen klettert, an denen es viele leichte Routen gibt, wird dieses Phänomen immer drastischer. Vor der Flut an Kletterhallenspezialisten, die sich mal ne Runde Fels gönnen, war das nicht so schlimm. Man hat halt am Fels geklettert und wußte, daß das gefährlich sein kann. Irgendwie ist das Bewußtsein in den letzten 20 Jahren Schritt für Schritt verloren gegangen. Und wir müssen jetzt mitunter panikartig Felsen verlassen, um kein Gemetzel mitzuerleben !
Seid im Ernstfall einfach schnell genug...weg...
Euer Flori |
| Seitenanfang |
|
|
|
Anna Witt 


Beiträge: 985
|
Beitrag vom: 19.07.2017 - 21:22
Da kann ich auch nur warnen und mich Richie und Florian anschliessen: Raus halten und nicht zu erkennen geben, dass man die Gefahr erkannt hat! Wäre da noch etwas passiert, hätte es für dich und vor allem für deinen Kursleiter unangenehm werden können! |
| Seitenanfang |
|
|
|
Tina Fraunholz 


Beiträge: 238
|
Beitrag vom: 20.07.2017 - 09:48
Ja, so ähnliche Situationen habe ich auch schon erlebt.
Und ich habe dann auch schon lieber mal den Sektor gewechselt mit meinen Kletterpartnern.
Das mag rechtlich gesehen der beste Weg für mich und meine Seilschaft sein, aber menschlich und ethisch korrekt ist es NICHT. Was macht das mit Dir und deinem Gewissen, wenn dann tatsächlich was passiert, und du hättest es verhindern können? Eine völlig natürliche Reaktion ist es doch den Menschen in Gefahr helfen zu wollen.
Allerdings sind die Reaktionen dieser "gefährdeten" Menschen meist auch nicht sonderlich erfreut auf Einmischung.
Wie bereits erwähnt, ich hab auch schon die Scheuklappen aufgesetzt und bin außer Sichtweite gegangen, allerdings passiert bei solchen Chaoten dann doch sehr oft nichts..... Sollte dies doch einmal passieren , bin ich rechtlich vielleicht nicht belangbar, was allerdings dann mit meinem Gewissen/Gemüt/Seele passiert....?
|
| Seitenanfang |
|
|
|
Richie Bauer 


Beiträge: 187
|
Beitrag vom: 20.07.2017 - 11:06
Generell hast Du natürlich Recht, man will eigentlich helfen. Aber dazu sollten dann auch die Rahmenbedingungen passen - sprich dass Hilfe auf gewollt ist und angenommen wird und man sich rechtlich nicht angreifbar macht. Leider fühlen sich die meisten Kletterer bei guten Tipps bevormundet bzw. bei ihrer Inkompetenz ertappt und reagieren entsprechend.
Leider kommen heute solche Situationen sehr oft vor, weil viele Kletterer nicht mehr so verantwortungsbewusst sind bzw. wegen der vorgegaukelten Sicherheit in Kletterhallen die Sicherungstechnik nicht mehr für so wichtig halten.
Zu guter Letzt kann sich jeder selber aussuchen, mit wem er zum Klettern geht. Ich habe da schon einige Kletterpartner aussortiert, weil sie schlampig gesichert haben bzw. auch uneinsichtig waren. Dafür also andere verantwortlich zu machen (auch wenn man es selbst macht) finde ich nicht angebracht.
Fazit:
Ich beobachte solche Kletterer meist kurz. Wenn sie einen sympatischen Eindruck machen und auch offen für Tipps scheinen, dann ist mir der rechtliche Aspekt egal und ich helfe gerne. Habe ich einen anderen Eindruck, dann ignoriere ich diese Kletterer und geh irgendwo hin, wo mich ein möglicher Unfall nicht betrifft. |
| Seitenanfang |
|
|
|
Anzeige
|
Anna Witt 


Beiträge: 985
|
Beitrag vom: 20.07.2017 - 23:24
Hi Tina
Wenn du menschlich und ethisch korrekt so definierst, musst du auch jeden Raucher davon abhalten, seine Zigarette zu rauchen, die Motorradraser in der Fränkischen stoppen und vorm Everest eine Mauer bauen. Ne, ich sehe es absolut nicht als meine Verantwortlichkeit an, erwachsene Menschen davon abzuhalten, selber zu entscheiden, welches Risiko sie eingehen wollen. Und wenn sich jemand zu so einem risikoreichen Verhalten entscheidet, ist das ganz alleine seine Entscheidung und überhaupt nicht meine Verantwortung. Wie heisst es so schön: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Sogar nach deutschem Recht hat jeder ein Recht darauf , sich selber zu gefährden.
In diesem Fall kann man allerdings auch von Fremdgefährdung sprechen und postulieren, dass die beiden Anfänger die Gefahr nicht einschätzen konnten.
Wenn man allerdings deswegen eingreift, dann verlangt der Gesetzgeber Konsequenz, und mal ehrlich, alles andere ist ja auch nur pseudoethisch und -menschlich.
Das heisst dannn, die Aspiranten u.U. mit Gewalt davon abzubringen, sich in Gefahr zu begeben oder im obigen Fall den ganzen restlichen Klettertag das Seil zu hintersichern.
Alternativ könnte man die Polizei rufe. Das Leben eines anderen Menschen darf man nämlich nicht einfach so gefährden, egal ob fahrlässig oder vorsätzlich.
Also, wenn dann richtig eingreifen, kein pseudoethisches, halbherziges Blablub, sondern Nägel mit Köpfen machen! |
| Seitenanfang |
|
|
|
Tina Fraunholz 


Beiträge: 238
|
Beitrag vom: 21.07.2017 - 10:15
Hallo Anna,
du hast das Dilemma gut beschrieben.
Wer mag sich um wildfremde Menschen, die sich selbst dafür entschieden haben und für sich selbst natürlich die Verantwortung tragen, kümmern, wenn man damit sich selbst und seinen Kletterpartnern den Klettertag versaut. Zudem passiert ja trotz viel beobachteter Fehler trotzdem recht selten etwas ernsthaftes......
In der Theorie habe ich auch schon daran gedacht, bei uneinsichtigen Vollchaoten, die Polizei zu .... Würde mich brennend interessieren was die dazu sagen würden
Ich bin kein Mega-Menschenfreund und betätige mich auch nur ungern als Oberlehrer..... Gebe aber zu bedenken, was ein tödlicher Unfall bei einem zuvor beobachteten falschen Verhalten mit dem persönlichen Gewissen verursachen würde, wenn man eben NUR Weggesehen und den Fels gewechselt hat.
Nicolas Fall zeigt auch wie schwer es ist hilfreich einzugreifen.....
Ich entscheide von Fall zu Fall, ob ich hier mal einen Hinweis gebe oder lieber gleich den Fels verlasse. Dabei handele ich nach meinem Gewissen und an rechtliche Folgen denke ich hier nicht ( bin schließlich kein Jurist).
Würde aber vielleicht wirklich bei extremer Gefährdung und völliger Uneinsichtigkeit mal überlegen die Polizei zu rufen
Muss das ein Bild sein, wenn so ne Streife dann durch den Wald stapft und keine Ahnung vom Klettern oder Sicherungstechnik hat - und wenn sie nicht kommen kannst du rechtlich sicher nicht belangt werden.....
Ha und der Blick der Chaoten, wenn sie doch kommen....
Kletterpolizei!!!!!!
Ich glaube ich traue es mir doch nicht..... |
| Seitenanfang |
|
|
|
Tina Fraunholz 


Beiträge: 238
|
Beitrag vom: 21.07.2017 - 10:19
Ha ich hab noch ne bessere Idee:
Ich tue so als würde ich mit der Polizei sprechen und schildere laut die Situation, so dass es die Chaoten mitbekommen.....
Schreibt mir wenn ihr soetas schon mal gemacht habt |
| Seitenanfang |
|
|
|
|
|